Der Bauchnabel als Rettung und Verhängnis. Über Mikromanagement und Makropolitik (Pius Knüsel)

Der gefragte Referent Pius Knüsel, Geschäftsführer der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, spricht in Ludwigsburg über Mikromanagement und Makropolitik in der Kultur. Kulturmanager managen ein Projekt oder eine kulturelle Institution. Sie tun alles, um ihrem Gegenstand eine Zukunft zu ermöglichen. Das ist die Mikrosphäre, der Bauchnabel. Aus kulturpolitischer Sicht spielt das einzelne Projekt, das einzelne Haus oft keine Rolle. Weil seine Aufgabe auch von anderen wahrgenommen wird oder im großen Ganzen keine Rolle spielt. Das ist die Makrosphäre. Hier liegt ein fundamentaler Interessenkonflikt zwischen Kulturmanagement und Kulturpolitik. Letztere muss die allgemeine Bedürfnislage einschätzen, vorzüglich der Rezipienten, erstere kann nur die Bedürfnisse der beteiligten Produzenten in Rechnung stellen. Deshalb ist Kulturmanagement aus politischer Sicht bedeutungslos. Bestenfalls hat es die Rezepte des entwickelten Kapitalismus in den Kulturbereich übertragen: Mehr produzieren mit weniger Geld, also Expansion, Konkurrenz durch Rabattierung der Preise. Das ist ein Kapitalismus aus den 70er und 80er Jahren. Der wahre Kapitalismus ist längst weiter – er setzt auf Exklusivität und kann dafür deckende Preise verlangen. Das wagen die Kulturmanager noch gar nicht zu denken. Sie kleben noch an den Zeiten, als ihr Beruf erfunden wurde – den 80ern.

Zur Person:

Pius Knüsel wurde 1957 in Cham / CH geboren. Nach dem Studium der Germanistik, der Philosophie und der Literaturkritik an der Universität Zürich war er als freier Journalist tätig. 1981 begründete er die Innerschweizer Wochenzeitung “Die Region” mit. 1986 bis 1992 wirkte Pius Knüsel als Kulturredakteur und Nachrichtenjournalist beim Schweizer Fernsehen. 1992 bis 1997 leitete er den Jazz Club MOODS und war Mitglied des Direktoriums des Europe Jazz Networks. Nach seiner Tätigkeit als Programmchef des Jazznojazz-Festivals in Zürich, leitete er 1998 bis 2002 das Kultursponsoring der Credit Suisse. Im Jahr 2000 begründete Pius Knüsel das Forum Kultur und Ökonomie. Seit 2002 ist er Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zudem lehrt Pius Knüsel in Kulturmanagement und Kulturpolitik u.a. an der Zürcher Hochschule Winterthur, den Universitäten von Basel, Neuchâtel, Fribourg, Lausanne und im Ausland.

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3 Antworten zu “Der Bauchnabel als Rettung und Verhängnis. Über Mikromanagement und Makropolitik (Pius Knüsel)

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